Sind die Evangelien lediglich Legenden?
Über die Ansicht mancher, die Evangelien wären Legenden schrieb Clive Staples "Jack" Lewis (geb. 29.11.1898 in Belfast, Nord-Irland, gest. 22.11.1963 in Oxford), Professor für Literatur des Mittelalters und der Renaissance an der Universität in Cambridge:
"Erstens also traue ich diesen Leuten, was immer sie als Bibelkritiker auch gelten mögen, als Kritikern schlechthin nicht viel zu. Mir scheint, sie haben kein literarisches Urteilsvermögen, kein Gespür für den wahren Charakter der Texte, die sie lesen. Es klingt befremdlich Männern, die ein Leben lang in diesen Büchern geforscht haben, so etwas vorzuwerfen. Aber vielleicht ist das gerade der wunde Punkt. Einem Menschen, der seine Jugend und seine Mannesjahre mit der sorgfältigen Erforschung neutestamentlicher Texte zugebracht hat und dem im literarischen Umgang mit diesen Texten jede Vergleichsmöglichkeit fehlt, wie es nur aus einem umfassenden und tiefen und lebendigen Umgang mit Literatur im allgemeinen entstehen kann, werden allzuleicht die einfachsten Dinge entgehen. Wenn er mir sagt, irgend etwas aus einem Evangelium sei Legende oder Roman, dann möchte ich wissen, wieviele Legenden und Romane er schon gelesen hat, wie gut sein Gaumen darin geübt ist, sie am Geschmack zu erkennen; und nicht wie viele Jahre er sich schon mit diesem Evangelium beschäftigt hat." C.S.Lewis, Gedankengänge. Essays zu Christentum Kunst und Kultur, S. 213
"Ich habe mein Leben lang Gedichte, Novellen, visionäre
Dichtungen, Legenden, Mythen gelesen. Ich weiß, was sie sind. Ich
weiß dass keines von ihnen so aussieht.
... Diese Leute wollen mir vormachen, sie könnten
zwischen den Zeilen der alten Texte lesen; dabei sind sie ganz und gar
offensichtlich nicht einmal fähig, die Zeilen selbst zu lesen (jedenfalls
nicht so, dass es des Diskutierens wert wäre), Sie behaupten sie könnten
Farnsporen sehen, dabei sehen sie am hellichten Tag nicht einmal einen
Elefanten auf zehn Meter Distanz." Ebd. S. 214.217
Das engl. Original der oberen zwei ins Deutsche übersetzten Abschnitte trägt den Titel: 'Modern Theology and Biblical Criticism', Lewis schrieb dieses Essay am Westcott House, Cambridge, am 11. Mai 1959. Es wurde unter diesem Titel in: 'Christian Reflections' publiziert (1981), und es ist nun unter dem Titel 'Fern-seed and Elephants' bekannt. (1998).
Der engl. Originaltext:
"First then, whatever these men may be as Biblical critics,
I distrust them as critics. They seem to me to lack literary judgement,
to be imperceptive about the very quality of the texts they are reading.
It sounds a strange charge to bring against men who have been steeped in
those books all their lives. But that might be just the trouble. A man
who has spent his youth and manhood in the minute study of New Testament
texts and of other people's studies of them, whose literary experience
of those texts lacks any standard of comparison such as can only grow from
a wide and deep and genial experience of literature in general, is, I should
think, very likely to miss the obvious thing about them. If he tells me
that something in a Gospel is legend or romance, I want to know how many
legends and romances he has read, how well his palate is trained in detecting
them by the flavour; not how many years he has spend on that Gospel.
[...]
I have been reading poems, romances, vision-literature,
legends, myths all my life. I know what they are like. I know that not
one of them is like this.
[...]
These men ask me to believe they can read between the
lines of the old texts; the evidence is their obvious inability to read
(in any sense worth discussing) the lines themselves. They claim to see
fern-seed and can't see an elephant ten yards way in broad daylight."
[...]
Fern-Seed and Elephants
C.S. Lewis
Quelle: http://members.tripod.com/orthodox-web/papers/fern_seed.html
(kompletter engl. Text)
"Als Literaturhistoriker bin ich restlos davon überzeugt,
daß die Evangelien keine Legenden sind - was immer sie auch sonst
sein mögen. Ich habe sehr viele Legenden gelesen, und es ist für
mich eindeutig, daß die Jesusgeschichten nicht in diese Gattung passen.
Sie sind nicht kunstvoll genug, um Legenden zu sein. In der Darstellung
ihrer Inhalte sind sie unbeholfen, sie arbeiten die Dinge nicht sauber
heraus. Der größte Teil des Lebens Jesu bleibt uns genau so
unbekannt wie das Leben irgendeines seiner Zeitgenossen. Kein Volk, das
einen seiner Helden zum legendären Heiligen erheben wollte, würde
so etwas zulassen. Auch kenne ich, außer einigen Teilen aus den platonischen
Dialogen, in der Literatur des Altertums keinerlei Gespräche, wie
sie etwa im Johannesevangelium vorkommen. Bis fast in unsere Zeit gab es
sie einfach nicht. Erst vor etwas hundert Jahren, mit dem Aufkommen des
realistischen Romans, fand das Gespräch Eingang in die Literatur.
Und noch ein anderer Aspekt: In der Geschichte von der
Ehebrecherin wird uns erzählt, Jesus habe sich gebückt und mit
dem Finger etwas in den Staub gekritzelt. [Joh
8,6Dies aber sagten sie, ihn zu versuchen,
damit sie etwas hätten, um ihn anzuklagen. Jesus aber bückte
sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.] Dieser Hinweis
bringt nichts ein. Niemand hat je eine Lehre darauf gegründet. Aber
solch kleine unbedeutende Details nur zu erfinden - das wäre ein ganz
moderner Kunstgriff. Ist nicht die einzige Erklärung für diese
Schilderung die, daß es sich wirklich so zugetragen hat? Der Schreiber
erzählte es, einfach weil er es gesehen hatte." C.S. Lewis, Gott auf
der Anklagebank, Kap 9: Was sollen wir mit Jesus Christus anfangen?, S.
96
Im engl. Original ist dieses Essay entnommen aus Asking
Them Questions, Third series, herausgegeben von Ronald Selby Wright
(Oxford University Press, 1950), S.95-104