Der Geist und das Wort

Jean Raborgs Leben im Jahr 1965 konnte als amerikanischer Traum bezeichnet werden. Sie war in einer christlichen Familie aufgewachsen. Ihre Mutter war Organistin in einer Kirche, in Phoenix, Arizona. Sie war mit John, ihrem Jugendfreund von der Highschool verheiratet, den sie auf der Universität wiedergetroffen hatte. Sie lebten in San Diego, Kalifornien und hatten zwei reizende Kinder. Ihre Tochter Jeanelle war neun Jahre alt, ihr Sohn John war sechs.
Sie war Lehrerin in der Keamy Mesa Oberschule, war bei allen sehr beliebt und unterrichtete Haushaltsfächer (Kochen, gesunde Ernährung und Haushaltsführung). Sie liebte nicht nur ihren Beruf, sondern auch ihre Schüler. Die jungen Leute spürten ihre Liebe. Sie wussten, dass sie von ihr akzeptiert wurden und kamen deshalb oft mit ihren Problemen zu ihr. Für Jean war es selbstverständlich, für ihre Schüler zu beten und manchmal betete sie auch mit ihnen. 1965 konnten Schullehrer noch mit ihren Schülern beten, ohne befürchten zu müssen, dass sie ihre Stellung verlieren.
Jeans Mann hatte eine vielversprechende Stellung als Agent einer Lebensversicherung. Er war bereits mehrmals ausgezeichnet worden. Sie befanden sich auf dem Weg zu finanziellem Wohlstand. Mit ihrem Einkommen waren sie in der Lage, sich ein wunderschönes Haus in einem Vorort nördlich von San Diego zu kaufen. Sie schafften sich neue Möbel an und dank Jeans Fähigkeiten und ihrem guten Geschmack glich ihr Heim bald einem der Häuser, wie man sie in einer Zeitschrift wie »Schöner wohnen« abgebildet sieht. Was hätte sich ein junges Ehepaar mehr wünschen können als ein schönes Haus, Arbeit, die Freude macht, eine wunderbare Ehe, reizende Kinder und finanzielle Sicherheit?
In Jeans Leben gab es auch eine sehr wichtige geistliche Dimension. Seit ihrem vierzehnten Lebensjahr liebte sie Jesus von ganzem Herzen. Als sie neunzehn war, hatte sie eine Begegnung mit Gott, die ihr den Glauben an die Gaben des Heiligen Geistes schenkte. Sie und John hatten sich einer Kirche angeschlossen, in der man an ein übernatürliches Wirken Gottes glaubte. Obwohl beide von ihrem Beruf sehr in Anspruch genommen wurden, beteiligten sie sich mit Elan an der Gemeindearbeit. Kurz gesagt: Jean besaß alles. Sie war mit dem Mann vetheiratet, den sie als einzigen geliebt hat. Gott hatte ihr eine wunderbare Familie geschenkt. Sie war wohlhabend und hatte eine enge Beziehung zu Gott. Ihr Leben war vollkommen. Sorgen und Depressionen kannte sie nicht.
Es gab nur ein Problem in Jeans Leben. Sie war eine Perfektionistin und wusste nicht, wie ausgeprägt ihr Perfektionismus war. Vor 1965 hatte er ihr kaum Schwierigkeiten bereitet. Jetzt aber besaß sie mehr Verantwortung, als sie jemals hatte. Jeden Tag unterrichtete sie einhundertfünfzig Schüler. Je mehr sie ihre Schüler liebte, desto mehr nahm sie sich ihrer Probleme an. Sie verausgabte sich in ihrer Lehrtätigkeit. Hinzu kam, dass das neue Haus nicht der Segen war, den sie sich erhofft hatte. Es war groß und schwieriger sauber zu halten, als das kleinere Haus, in dem sie vorher wohnten. Sie sorgte sich auch um die neuen Möbel, eine Sorge, die ein neunjähriges Mädchen und ein sechsjähriger Junge nicht unbedingt teilen.
Oft kam Jean am Nachmittag nach Hause und fühlte sich körperlich und emotionell völlig ausgelaugt. Es schien ihr, als verlangten ihre eigenen Kinder mehr von ihr, als sie zu geben imstande war. Um ihren Ansprüchen gerecht zu werden, musste sie oft das Haus vernachlässigen und das ärgerte sie. Es schien, als wäre sie gerade in der Lage, eine Mahlzeit für John und die Kinder auf den Tisch zu bringen. Die Unordnung wollte sie später beseitigen. John war ebenfalls stark belastet, so dass er oft noch Arbeit mit nach Hause brachte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Jean Schwierigkeiten, nachts zu schlafen. Das schien ihr widersinnig, denn sie war todmüde, wenn sie endlich ins Bett kam. Es dauerte länger, bevor sie einschlief, und ihr Schlaf war unruhig. Wenn sie morgens aufwachte, fühlte sie sich fast so müde, wie beim Schlafengehen.
Jean fing an, sich nach den Wochenenden zu sehnen; nicht etwa, weil sie sich dann ausruhen konnte, sondern weil sie dann Zeit fand, ihr Haus richtig in Ordnung zu bringen. Und dann war da noch die Kirche. Jean und John waren ihrer Kirche ergeben. Wenn sie dort gebraucht wurde, fiel es ihr schwer, nein zu sagen. Anstatt sich zu erlauben, am Wochenende neue Kräfte zu schöpfen, arbeitete sie noch hektischer und war am Montag erschöpfter, als am Freitag.
Als Jean sich dem Zustand völliger Erschöpfung näherte, wurde ihr klar, dass sie nicht alle Pflichten erfüllen kann. Einhundertfünfzig Schüler pro Tag, ein neues Haus, zwei Kinder und die Arbeit in der Kirche, das war zu viel für sie. Sie fühlte sich wie eine Ertrinkende, die langsam aber sicher hinuntergezogen wird. Trotzdem war sie außerstande, etwas zu streichen. Sie und John benötigten beide Einkommen, damit sie in dem neuen Haus leben konnten. Sie brachte es auch nicht fertig, nur ihre Arbeit zu tun, ohne an den Problemen ihrer Schüler teilzuhaben. Sie war einfach nicht der Mensch dazu. Ihre eigenen Kinder konnte sie natürlich auch nicht vernachlässigen. Das stand ganz außer Frage. Gottes Arbeit in der Kirche konnte sie schon gar nicht vernachlässigen. Nein, dachte sie, es konnte nicht an ihrem Zeitplan liegen. Irgendetwas musste mit ihr nicht in Ordnung sein.
Am Anfang sprach sie mit John darüber, wie sehr sie sich unter Druck fühlte, aber dann dachte sie: Wie kann ich John belasten, wenn er ohnehin schon so überarbeitet ist? Sie überlegte, ob sie mit jemand in der Kirche darüber sprechen soll, aber eine innere Stimme sagte ihr, dass niemand erfahren darf, dass sie nicht in der Lage ist, mit ihren Angelegenheiten fertig zu werden, dass sie nur weitermachen muss und sich alles schon regeln wird. Sie war nicht sicher, woher diese Stimme kam, entschloß sich aber, sie zu befolgen. Sie sprach mit niemand über ihre Erschöpfung und den Druck, der sie zu überwältigen schien. Sie entschied sich, weiterzumachen.
Etwas gab Jean aber doch auf. Sie hatte Gottes Wort immer geliebt und es sich zur Gewohnheit gemacht, täglich darin zu lesen. Doch jetzt besaß sie weder die Energie, noch die Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Zum ersten Mal in ihrem Leben hörte sie auf, sich Zeit dafür zu nehmen, »mit Jesus allein zu sein«.

Abstieg in den Wahnsinn

Im Februar 1965 verzweifelte Jean. Sie ging zu ihrem Hausarzt. »Hallo, Jean, was führt Sie zu uns?«, fragte der freundliche Arzt. »Dr. Bowers, ich bin so am Ende, ich kann mich kaum noch auf den Füßen halten. Es  kommt mir vor, als wenn ich jeden Montag auf ein großes Karussell  springe. Ich gehe zur Schule, kümmere mich um meine Schüler und um alles mögliche andere, gehe nach Haus zu meinen zwei kleinen Kindern und sorge für sie. Am Freitagabend springe ich dann wieder von dem Karussell ab. Doch sobald ich abgesprungen bin, versuche ich all das zu tun, was ich während der Woche nicht geschafft habe. Das ist genauso, als wenn ich auf dem Karussell bin. Und wenn es Montag ist, geht das Ganze von vorne los. Ich kann einfach nicht mehr«, schluchzte sie.
»Jean, Sie sind überarbeitet und erschöpft. Sie müssen Ihren Zeitplan ändern. Sobald Sie von der Schule nach Hause kommen, müssen Sie sich ausruhen. Sie benutzen die Weisheit nicht, die Gott Ihnen gegeben hat. Sie müssen lernen, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die Ihnen am wichtigsten sind und ein paar andere Dinge aufgeben.« Dr. Bowers gab Jean einige Medikamente, die ihr Immunsystem stärken und ihr etwas mehr Energie geben sollten. Danach fühlte sie sich ein wenig besser, aber sie ignorierte den Rat des Arztes, ihren Zeitplan zu ändern, denn sie verstand nicht richtig, was er damit gemeint hatte. Der Sommer 1965 kam und für Jean begannen die Sommerferien. John hatte von seiner Versicherungsgesellschaft eine kostenlose Reise nach San Franzisko gewonnen. Sie erwarteten beide, dass es eine wundervolle und erholsame Reise wird. Als sie am Abend davor die Koffer packte, fühlte sie einen stechenden Schmerz unter ihrem linken Arm. Sie legte die Hand auf die Stelle und fühlte einen großen harten Knoten. Sie sank auf einen Stuhl. Tiefste Verzweiflung überkam sie. Ihr fiel Anne ein, ihre beste Freundin, die mit achtundzwanzig Jahren an Krebs gestorben war und zwei kleine Kinder hinterlassen hatte, Auch bei Anne hatte es mit einem Knoten unter dem Arm begonnen.  Es war, als wenn tiefe Dunkelheit sie umgab, aus der sie eine Stimme flüstern hörte: »Du hast abgenommen, du bist müde, du hast einen Knoten unter dem Arm und du hast all die anderen Symptome. die Anne gehabt hat. Du hast Krebs, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis du ihr Gesellschaft leistest.« Noch nie hatte Jean solche Angst verspürt. Sie war wie gelähmt und merkte, wie ihre Beine gefühllos wurden. Sie konnte nicht laufen. Mit kalter Hand griff die Furcht nach ihrem Herzen und preßte es so sehr, dass aus ihm auch noch das letzte Fünkchen Hoffnung und Vertrauen auf Gott verschwand - und wie es schien: unwiederbringlich.
 Die Stimme verlangte, dass Jean zu niemand darüber spricht. Wie hätte sie es auch John sagen können, wenn sie dadurch die paar Monate - verderben würde, die sie noch gemeinsam hatten? Es würde auch nichts nutzen, zu Gott darüber zu sprechen. Er hatte es schließlich zugelassen.
Vielleicht war das die Strafe dafür, dass sie als Frau, Mutter, Lehrerin und als Christin so elend versagt hatte? Nein, alles war vorbei. Es blieb ihr nichts übrig, als langsam dahinzuschwinden, wie Anne.
Der Urlaub war eine Katastrophe. Das einzige, woran Jean ständig dachte, war: »Ich sterbe. Ich lasse zwei bezaubernde Kinder und meinen geliebten Mann zurück. Ich lasse mein schönes Haus am Hügel zurück und im nächsten Herbst werde ich nicht mehr unterrichten.« Sie befühlte den Knoten, der jeden Tag zu wachsen schien. Während er zunahm, nahm Jean immer mehr ab. Als sie aus San Franzisko zurückkehrten, war sie außerstande, überhaupt noch etwas zu tun.
Irgendwann im Sommer fing Jean an zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. John verstand es nicht und sie konnte ihm nichts sagen.
Jean hatte einen Nervenzusammenbruch. Da sie aber niemand kannte, der einen Nervenzusammenbruch gehabt hatte, wusste sie nicht, was mit ihr geschah.
Irgendwie hielt sie es bis zum Ende des Sommers durch. Der Direktor ihrer Schule informierte sie, dass sie zur Leiterin der Hauswirtschaftlichen Abteilung ernannt worden war. Anstatt sich darüber zu freuen, brachte sie das an den Rand der Hysterie.
Jean begann wieder zu unterrichten, aber sie war ein emotionelles Wrack. Jedes Mal, wenn die Schüler den Raum verlassen hatten, brach sie in Tränen aus. Nachdem sie ein paar Wochen lang versucht hatte, zu unterrichten, besuchte sie Dr. Bowers noch einmal. Als er ins Sprechzimmer kam, versuchte sie ihm zu erklären, was ihr fehlte, konnte aber nur noch weinen. Schließlich hob sie den Arm und zeigte auf die Geschwulst. »Was ist das?«, fragte sie.
Nachdem er sie untersucht hatte, sagte Dr. Bowers: »Jean, warum sind Sie nicht gleich hergekommen, als Sie das entdeckt haben?«
»Ich hatte solche Angst.«
»Sie hätten herkommen sollen; ich hätte Ihnen die Angst ersparen können. Es ist nicht das, was Sie denken. Ich möchte Sie gründlich untersuchen, bin aber ziemlich sicher, dass die Geschwulst nicht bösartig ist.«
Kurz nach der Untersuchung rief Dr. Bowers Jean und John in seine Sprechstunde, um ihnen die Diagnose mitzuteilen. Er sagte ihnen, dass Jean keinen Krebs hat. Was sie für eine bösartige Geschwulst gehalten hatte, war nichts weiter als eine geschwollene Lymphdrüse, die durch ein falsches Deodorant verursacht worden war. Trotzdem bestätigte er, dass sie krank und erschöpft war. Ihr Gewichtsverlust war zum Teil auf Probleme mit dem Unterleib zurückzuführen, die sich mit einer kleinen Operation beheben ließen.
Diese Neuigkeiten hätten für Jean eine große Erleichterung sein müssen. Als sie jedoch hörte, dass ein kleiner Eingriff vorgenommen werden musste, kam ihr der Verdacht, dass ihr der Doktor und ihr Mann die Wahrheit verheimlichen. Die Stimme sagte ihr, dass John und Dr. Bowers sich verschworen hätten, ihr nichts zu erzählen, da sie ohnehin depressiv war und so viel geweint hatte. Trotz der Versicherungen des Arztes war sie mehr denn je davon überzeugt, dass sie Krebs hatte und der Arzt sie anlog, um sie bis zur Operation ruhig zu halten.
Jean hatte immer viel Selbstvertrauen besessen und sich für leistungsfähig gehalten und deshalb nie gelernt, um Hilfe zu bitten. Nach und nach verlor sie ihren Halt, doch konnte sie weder Gott noch ihren Mann um Hilfe bitten. In dieser Nacht trommelte sie mit den Fäusten gegen die Schlafzimmerwand und schluchzte hysterisch. John hatte Jean noch nie so erlebt. Als er sah, dass er sie nicht beruhigen konnte, knallte er die Eingangstür hinter sich zu und flüchtete in sein Büro.
Jeans Benehmen in der Nacht war ein unformulierter Hilfeschrei. John brachte sie wieder zu Dr. Bowers, der ihr empfahl der Schule zwei Wochen fernzubleiben. Weder John noch der Arzt verstanden, welche bösartige Lüge sich in Jeans Seele breit gemacht hatte und welche völlige Hoffnungslosigkeit über sie gekommen war. Sie ließ sich für zwei Wochen beurlauben, verlor aber weiterhin an Gewicht.
Als sie wieder in der Schule war, fragte eine Schülerin im Unterricht, wo eine bestimmte Zutat sei. Jean starrte sie einen Moment lang mit einem geistesabwesenden Ausdruck an. Langsam brachte sie hervor: »Ich weiß nicht, ich weiß es nicht.« Es war, als wäre in ihrem Inneren etwas ausgeschaltet worden. Alles, was sie als Erwachsene gewußt hatte, schien aus ihr herauszufließen und sie wurde wieder wie ein kleines Kind. Sie hörte sich sagen: »Ich verlasse diesen Raum und ich glaube nicht, dass ich je wieder zurückkomme.« Ohne jede Vorwarnung begann sie hysterisch zu schreien und rannte zur Tür hinaus.
Eine Kollegin sah, wie sie aus dem Klassenzimmer rannte und versuchte sie aufzuhalten. Sie schlang ihre Arme um Jean. Die schluchzte nur noch: »Es ist alles aus. Es ist alles aus.« Die Kollegin beruhigte Jean und fuhr sie zu Dr. Bowers, der einen Psychiater anrief und eine sofortige Konsultation arrangierte. Als John zwei Stunden später bei dem Psychiater eintraf, war Jean noch nicht in der Lage, mit dem Psychiater zu sprechen. Sie saß in seinem Büro und weinte hysterisch.
Der Psychiater war der Ansicht, dass nur Beruhigungsmittel helfen würden. Von da an nahm sie Beruhigungsmittel.
Jean konnte es nicht fassen, dass sie - eine überzeugte Christin - Beruhigungstabletten nehmen muss. Sie versank in einem Abgrund der Hoffnungslosigkeit. Zu ihrer Klasse konnte sie nicht mehr zurückkehren. Von diesem Zeitpunkt an bestand ihr Leben aus Beruhigungstabletten und regelmäßigen Besuchen beim Psychiater. Sie konnte weder sauber machen noch kochen. Ihr Haus war ihr gleichgültig. Alles, was sie sich je gewünscht hatte, bedeutete ihr nichts mehr. Sie verbrachte ihre Tage damit, in ihrem Wohnzimmer zu sitzen und vor sich hin zu starren. Nicht einmal ihre Haare konnte sie sich selbst kämmen. John stand morgens auf, zog sie an und kämmte ihr das Haar. Dann machte er die Kinder für die Schule fertig und ging zur Arbeit.
Jean dachte, dass es auch für ihre Familie besser wäre, wenn sie nicht mehr lebte. Als diese Gedanken immer häufiger wurden, versuchte sie, Selbstmord zu begehen. Einmal wollte sie aus Johns Auto springen, als sie gerade eine verkehrsreiche Autobahn entlangfuhren. Nur mit Mühe war er in der Lage, sie zurückzuhalten. Der Doktor verschrieb ein sehr schweres Mittel gegen Depressionen. Damit sie sich nichts antun konnte, nahm John sie morgens mit zur Arbeit. Aber Jean konnte Johns Liebe nicht spüren, und die Medikamente betäubten ihren Schmerz nicht. Sie fühlte sich von einer erstickenden Dunkelheit umgeben. Sie fühlte sich geistig, emotionell und physisch tot. Der Gedanke an Selbstmord war ihr ständiger Begleiter.
Jeans Eltern, Carl und Jesse Williams, machten sich die größten Sorgen darüber, dass ihre Tochter langsam unzurechnungsfähig wurde.
Ihr Glaube an Christus war tief und lebendig; und sie vertrauten darauf, dass er heilen konnte. Carl war verantwortlich für die internationalen Finanzen der »Geschäftsleute des vollen Evangeliums« (FGBFI). Es ergab sich oft, dass er mit Demos Shakanan, dem Präsidenten der Vereinigung, auf Reisen war und dabei bekannte christliche Evangelisten kennen lernte. Er und Jesse nahmen Jean zu allen möglichen christlichen Veranstaltungen und Konferenzen mit, bei denen sie Pastoren und Evangelisten baten, für ihre Heilung zu beten. Auf diese Weise haben viele der bekanntesten Heilungsevangelisten der 60er Jahre dafür gebetet, dass Jean geheilt wird, aber ihr Zustand verschlechterte sich weiter.
Für John und Jean Raborg war der Amerikanische Traum schnell verflogen. John musste eine Haushälterin anstellen, die für die Kinder und für Jean sorgte. Die Rechnungen für Jeans medizinische und psychiatrische Behandlungen verschlangen ihre Ersparnisse. Tausende von Dollars gingen für Telefonrechnungen drauf, weil Jean ohne Johns Wissen ständig Ferngespräche mit ihren Eltern führte. Auch Jeans Einkommen fiel aus. Sie waren auf dem Weg zum Bankrott.
Im Februar 1966 war Jean nicht mehr in der Lage, sich wie eine Erwachsene zu verhalten. John musste alles für sie tun. Ihre Tochter Jeanelle, die inzwischen elf Jahre alt war, hatte den Haushalt übernommen. Am Abend des 22. Februars hatte John eine Geburtstagsfeier für Jean geplant. Sobald sie von ihrem Besuch beim Psychiater zurück waren, sollte gefeiert werden. Als John von der Arbeit kam und sie zu ihrem Termin beim Psychiater bringen wollte, erklärte Jean, dass sie ihren Psychiater niemals wiedersehen wollte, und dass sie auch nie wieder ihr Medikament nehmen würde. John war verzweifelt. Er bat sie, mit ihm zum Psychiater zu gehen. »Jean«, sagte er, »alle unsere Freunde haben uns verlassen. Unser Pastor kommt nicht mehr zu uns. Wir haben sonst niemand mehr. Alle haben für dich gebetet, aber es hat nichts genutzt. Der Doktor ist unsere einzige Hoffnung.« Endlich ließ sie sich überreden. Doktor Dickinson, der Psychiater, fragte, ob Jean ihr Medikament genommen hätte. Sie machte nicht nur den Fehler, ihm die Wahrheit zu sagen, sondern erklärte auch, dass sie es niemals wieder nehmen würde. Darauf erwiderte der Psychiater prompt: »Dann werden wir Sie dahin bringen, wo Sie es einnehmen werden.« Trotz ihrer Proteste fand sich Jean an ihrem sechsunddreißigsten Geburtstag vor der Mesa Vista Psychiatrischen Klinik.
Das Gebäude war ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie fand es schön. Sie dachte: Vielleicht kann ich hier endlich Ruhe finden. Die Eingangshalle war hübsch ausgestattet, und das Personal schien freundlich und aufmerksam zu sein. Sie und John unterschrieben alle Einlieferungsformulare. Eine Schwester geleitete sie durch eine Tür und einen langen Korridor hinunter. Die Wärme, die Jean in der Eingangshalle gespürt hatte, verflog. Sie kamen zu einer schweren Stahltür, in der sich ein kleines Fenster befand. Sie gingen durch diese Tür, und als sie hinter ihnen zufiel, verriegelte sie sich automatisch. Jean war mit der Krankenschwester auf der einen Seite und durch das kleine Fenster sah sie John auf der anderen Seite stehen. Sie befand sich auf einer geschlossenen Station.
Einige Patienten saßen in einer Ecke und sahen fern, andere liefen auf und ab, ohne sich ihrer Umgebung bewusst zu sein. Wieder andere saßen einfach still da und starrten ins Leere. Dann hörte sie Schreie und sah, wie ein Patient, der auf einer Trage festgeschnallt war, zur Schocktherapie gebracht wurde. Sie rief nach John, aber er war nicht da. Sie rief nach Gott, aber auch er schien nicht da zu sein. Die Wärter gaben ihr ein Nachthemd und nahmen ihr alle persönlichen Sachen bis auf die Bibel fort. Dann brachten sie sie in ihr neues Zimmer. Sie stand wie vom Donner gerührt. Die Fenster waren vergittert. Sie war völlig allein. Sie blieb an einer Stelle stehen und weinte zwei volle Stunden lang, ohne sich zu rühren. Man gab ihr mehr Tabletten und sie versank in geistiger Umnachtung.
Jean sprach auf keine Therapie an. Die Stunden, in denen sie wach war, verbrachte sie in einer Art Betäubung. Sie wollte nur noch schlafen. Am Nachmittag ging sie schon gegen sechzehn Uhr zu ihrem Bett und rollte sich darauf wie ein Embryo zusammen. Morgens mussten die Schwestern sie zum Aufstehen zwingen.
Ein paar Mal sah es so aus, als wenn sie aus der Dunkelheit zurückkehren würde. Sie tat so, als fühlte sie sich besser. Bei diesen Gelegenheiten entließ man sie zu Besuchen nach Hause. Sobald sie zu Hause war, wanderte sie von einem Bett zum anderen und versuchte zu schlafen, aber es gelang ihr nicht. Da sie sich in Selbstmordgefahr befand, erlaubte ihr Doktor nicht, dass sie zu Hause Schlaftabletten nahm.
Bald war ihre Zeit zu Hause abgelaufen und sie musste zurück in die Klinik. Dort bekam sie wenigstens die Medikamente, die sie schlafen ließen. John hoffte weiterhin, dass Jean wieder zur Vernunft kommen würde, aber alle anderen waren übeneugt, dass ihr Zustand endgültig war.
Die Kinder hatten die Hoffnung aufgegeben, ihre Eltern auch und sie selbst hatte schon lange keine Hoffnung mehr.
Jean wusste, dass sie ihr Gefängnis nie mehr verlassen würde. Eine Stimme erreichte sie in ihrer Dunkelheit und hielt ihr eine einfache Frage vor: »Wie kann sich eine Christin, die Gott liebt und an seine übernatürliche Kraft glaubt, so weit von ihm entfernen, dass sie in einer Heilanstalt landet?« Die finstere Stimme hatte auch die Antwort parat:
»Du hast die unverzeihliche Sünde begangen, dem Heiligen Geist zu lästern. Dir kann niemals vergeben werden. Das ist dein Gottesurteil.«
Und Jean glaubte der Stimme.

Die Kraft des Geistes

Im Oktober 1968 reisten Carl und Jesse Williams nach San Bernardino, um Paul Cain zu hören. Am letzten Abend der Vortragsreihe stand Jesse auf und fragte Paul, ob er für ihre Tochter beten würde, die sich in einer psychiatrischen Klinik befand. Paul willigte ein und betete für Jean.
Nach der Veranstaltung fragte Paul das Ehepaar, in welcher Klinik sich Jean befände. Sie sagten ihm, dass die Klinik irgendwo in der Gegend von San Diego wäre, dass sie aber weder den Namen noch die Anschrift wüssten. John hatte sich geweigert, Jeans Eltern zu sagen, wo sich diese befand. Obwohl das Verhältnis zwischen ihm und Jeans Eltern inzwischen gespannt war, hatte er dies nicht aus Böswilligkeit getan, sondern aus Verzweiflung. Beinahe jeder Versuch von Christen, Jean zu helfen, hatte nicht nur nichts genützt, sondern ihren Zustand noch verschlimmert. Jedes Gebet um Heilung hatte zuerst Hoffnung und danach bittere Enttäuschung gebracht. Zum Schluss waren sich das Personal der Anstalt und John darüber einig, dass es für Jean besser wäre, sie in völliger Isolation zu halten. Man hatte jeden anderen Kontakt zwischen Jean und der Außenwelt unterbunden. Paul versprach dem Ehepaar Williams, dass er weiterhin für ihre Tochter beten würde.
Es war Mitternacht, als Paul endlich die Konferenzräume verließ und sich in sein Auto setzte. Nachdem er zwei Wochen lang pausenlos auf Zusammenkünften gesprochen hatte, war er todmüde. Außerdem hatte er eine schwere Stirnhöhleninfektion. Er dachte, wie ironisch es sei, dass der Herr ihn in den letzten zwei Wochen dazu benutzt hatte, mehrere Menschen zu heilen, während er ihn selbst krank sein ließ. Bevor er den Wagen startete, betete er noch einmal für Jean Raborg. Dabei fühlte er das Mitleid des Herrn. Was als einfaches Gebet begonnen hatte, verwandelte sich in einen Strom von Worten und Gefühlen, mit denen er den Herrn darum bat, Jean von ihrem Wahnsinn zu befreien. Er weinte, als er fühlte, was das Herz Christi für Jean empfand.
Während er weinte, schaute er zum Himmel auf und erblickte dort eine riesige Leinwand, auf der er Jean in der Psychiatrischen Klinik sah und Dinge aus ihrem Leben, die sich ereignet hatten, bevor sie in die Klinik kam. Und dann sprach Gott. Es war nicht vernehmbar, hätte aber auch nicht klarer sein können, wenn er laut gesprochen hätte. In Pauls Gedanken formten sich die folgenden Sätze: Wenn du nach San Diego gehst und für diese Frau betest, wird sie mir zu Ehren sofort geheilt werden. Und ich will ihr Zeugnis bis an das Ende ihrer Tage dazu benutzen, andere Frauen zu ermutigen und ihnen Hoffnung zu geben.
Als Paul am nächsten Morgen nach San Diego fuhr hatte er den Eindruck, dass er die Autobahn an einer bestimmten Ausfahrt verlassen soll. Er hielt an einer Telefonzelle, ohne zu wissen, dass Jean nur zwei Straßen weiter im Mesa Vista Psychiatric Hospital war. Jeans Eltern hatten ihm Johns Telefonnummer vom Büro und von seinem Haus gegeben. Paul rief zuerst im Büro an, aber niemand wusste, wo John war. Dann versuchte er es bei ihm zu Hause. Jeans Tochter Jeanelle, die inzwischen zwölf Jahre alt war, nahm den Anruf entgegen. Paul bat Jeanelle ihm die Anschrift von der Klinik zu geben, in der sich Jean befand. Jeanelle erwiderte: »Es tut mir leid, mein Herr, aber ich kann Ihnen den Namen der Klinik nicht geben. Außer meinem Vater darf niemand meine Mutter besuchen.« »Jeanelle«, sagte Paul, »ich möchte nicht, dass du deinem Vater ungehorsam bist. Würdest du aber bitte noch einen Moment am Telefon bleiben? Weißt du, der Herr hat mich hergesandt, damit ich deiner Mutter helfe. Ich werde jetzt beten. Bitte hänge nicht ab. Ich bin sicher, der Herr wird mir helfen, deine Mutter zu finden.« Paul betete und sah einige Sekunden später wieder die große Leinwand. Diesmal sah er eine Zeitung von San Diego, deren Leitartikel die Überschrift trug »Mesa Vista«.
»Jeanelle, ich glaube, der Herr hat mir zu verstehen gegeben, dass sich deine Mutter in Mesa Vista befindet. Ich brauche nur deine Bestätigung dafür. Bedeutet dir der Name etwas?«
»Ja, das stimmt. Das stimmt. Sie ist im Mesa Vista Psychiatric Hospital.«
»Danke, Jeanelle. Ich weiß, mein Kind, es war eine lange schlimme Zeit für dich und deine Familie. Während deine Mutter krank war, musstest du stark sein. Du sollst wissen, dass Gott deine Mutter heilen wird und dass sie in drei Tagen wieder bei euch ist. Wenn sie kommt, wird es ihr gut gehen und sie wird voller Freude sein. Auf Wiedersehen.«
Jeanelle legte den Hörer auf. Wie oft hatte man ihnen bereits versprochen, dass ihre Mutter gesund werden würde, doch nie hatten sich diese Versprechen erfüllt. Aber diesmal war es anders. Die Stimme des Mannes war anders gewesen. Und wie hatte er den Namen Mesa Vista herausgefunden?
Paul durchquerte die hübsche Eingangshalle und ging zur Empfangsschwester der Klinik. »Guten Tag, mein Name ist Paul Cain. Ich bin gekommen, um Jean Raborg zu besuchen.« Die Schwester suchte Jeans Zimmernummer heraus. Daneben stand »Darf außer ihrem Mann niemand sehen«. Aber anstatt ihm den Besuch zu verbieten, führte sie ihn unerklärlicherweise den langen Korridor hinunter und schloß die Tür für ihn auf. Paul ging direkt zum Schwesternzimmer und fragte nach Jean Raborg. Sie war gerade in der Beschäftigungstherapie. »Beschäftigungstherapie« bedeutete für Jean, dass sie Postwurfsendungen faltete und in Umschläge steckte. Es war die einzige Tätigkeit, zu der sie fähig war. Den Rest des Tages wanderte sie nur in ihrer medikamentösen Betäubung umher. Jean hörte ihren Namen durch die Sprechfunkanlage und schlurfte zum Schwesternzimmer. Als sie den Korridor entlangkam, sah sie Paul vor dem Dienstzimmer stehen. »Lieber Gott«, dachte sie, »wer ist dieser Mann? Er sieht wie ein Engel aus. Ich sehe, dass deine Herrlichkeit von ihm ausgeht. Oh, ich wünschte, jemand wie er würde mich besuchen.«
»Jean, der Mann hier möchte dich besuchen«, sagte die Schwester. Die beiden gingen in ihr Zimmer und setzten sich.
»Jean, mein Name ist Paul Cain. Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie. Was ich Ihnen jetzt sagen werde, wird schwer zu verstehen sein. Jesus hat mich zu Ihnen gesandt, weil er Sie lieb hat und weil er Sie heilen wird. Ich werde heute für Sie beten und er wird Sie heilen, und in drei Tagen werden Sie zu Hause sein.«
Bevor Paul die Klinik betrat, hatte er in einer Vision Jeans halbbetäubten Zustand gesehen und den Herrn darum gebeten, dass er ihr für die Zeit ihrer Unterredung einen klaren Geist schenken möge. Als Paul jetzt sagte, dass Jean geheilt werden würde, fühlte sie, dass es bei diesem Versprechen anders war, als bei den früheren.
»Bevor ich für Sie bete, möchte ich Ihnen einige Dinge sagen, die Ihnen helfen werden, zu verstehen, dass Gott mich tatsächlich geschickt hat. Ich kann nur ein paar Minuten bleiben und muss dann nach Dallas weiterreisen. Als Erstes hat mir Jesus mitgeteilt, dass Sie niemals die unverzeihliche Sünde begangen haben, und dass er weiß, dass Sie ihn von ganzem Herzen lieben.«
Jean dachte, sie müsste platzen. »Oh ja, ich habe ihn lieb, ich habe ihn lieb, ich liebe Jesus von ganzem Herzen«, rief sie aus.
»Der Herr sagte, ich soll Sie an etwas erinnern, was passiert ist, als Sie vierzehn Jahre alt waren. Es war Sommer und Sie waren in einem kirchlichen Ferienheim in Oregon. Nach einer Abendandacht warfen Sie einen Tannenzapfen ins Lagerfeuer und baten den Herrn, in Ihr Herz zu kommen und Sie Missionarin werden zu lassen.«
»Ja, das stimmt! Das stimmt! Aber wie ist es möglich, dass Sie das wissen?«
»Ich habe es nicht gewußt, Jean. Der Herr hat es mir gezeigt, und er sagte, dass er aus Ihnen eine Missionarin machen wird, aber anders, als Sie es sich vorgestellt haben.«
Unvermittelt hörte Paul auf zu sprechen. Er schloß einen Moment seine Augen und sagte dann: »Jean, ich habe gerade eine Vision. Ich sehe einen Mann, der die Uniform einer Fluggesellschaft trägt. Er ist Pilot und ist ein Freund von Ihnen, ein Nachbar. Seine Frau heißt Pat. Wie heißt er?«
»Er heißt Allan Lindemann. Er ist Flugkapitän bei der PSA in San Diego. Er wohnt in University City, uns direkt gegenüber.«
Paul sagte: »Haben Sie auch eine Nachbarin, die Marion heißt?«
»Ja.«
»Sie werden später zu Pat und Marion gehen und ihnen sagen, was der Herr für Sie getan hat, und es wird deren Leben ändern. Ich habe eine Vision von Allan, der seine Uniform trägt und ich sehe, wie Sie mit ihm über die Dinge Gottes reden. Er wird durch Ihren Bericht an Christus glauben. Lassen Sie mich jetzt für Sie beten.«
Während Paul für Jean betete, fühlte sie sich, als hätte man ihr ein riesiges Heizkissen auf den Leib gelegt. Dann hatte sie ein Gefühl, als wäre warmes Öl über ihren Körper gegossen worden und hätte jede Faser ihres Körpers durchtränkt. Gleichzeitig fühlte sie einen Druck von sich weichen. Es war, als hätte der Herr eine Quelle der Freude in ihr bloßgelegt.
»Ich bin geheilt!«, rief sie aus.
»Nein, noch nicht ganz«, sagte Paul. »Wenn ich gehe, wird der Wahnsinn versuchen zurückzukommen. Wenn ich durch diese Tür gehe, wird Gott Ihnen einen Bibelvers ins Herz legen, durch den Ihre Heilung besiegelt wird. Wenn sich die böse Stimme wieder meldet, hören Sie nicht hin, sondern sagen Sie: In der Schrift heißt es ..., und dann zitieren Sie den Vers. Sprechen Sie diesen Vers, Jean. Der Geist und das Wort werden Sie heilen und Sie gesund erhalten. In drei Tagen werde Sie zu Haus und voller Freude sein. Auf Wiedersehn. Ich werde für Sie beten.«

Die Kraft des Wortes

Als Paul das Zimmer verließ, nahm Jean ihre Bibel zur Hand. Doch sie konnte die Schrift nicht lesen, weil sie noch zu sehr unter der Wirkung des Medikaments stand. Ihr Verstand begann sich zu umwölken. Sie fühlte eine Taubheit von ihrem Kopf ausgehen. Sie legte die Bibel hin und ging aus ihrem Zimmer in den großen runden Raum, in dem die Patienten herumlaufen durften. Da kam ihr eine Stelle aus dem Alten Testament in den Sinn. »Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott. Ich helfe dir, ja, ich halte dich mit meiner hilfreichen Rechten« (Jes 41,10). In diesem Moment fühlte sie eine eisige Hand aus der Dunkelheit nach ihrem Herzen greifen. Sie hörte, wie die böse Stimme zu flüstern begann, aber anstatt zuzuhören rief sie: »In der Schrift heißt es -  Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott. Ich helfe dir, ja, ich halte dich mit meiner hilfreichen Rechten.« Die eisige Hand zog sich zurück. Die böse Stimme schwieg. Sie sagte die Worte wieder und immer wieder. Jedes Mal fühlte sie, wie die Kraft Gottes in ihren Körper drang.
Als Dr. Appleford, ihr Psychiater, am nächsten Morgen zur Visite kam, sagte er: »Jean, was ist mit dir passiert? Du weinst ja nicht? Wo kommt das Lächeln her? In all meinen Berufsjahren habe ich niemand über Nacht aus einer Depression herauskommen sehen.« Jean erzählte ihm, was bei Pauls Besuch am Tag zuvor passiert war. Als sie geendet hatte, sagte ihr Psychiater: »Obwohl ich Kirchenmitglied bin, habe ich noch nie an Wunder geglaubt. Aber was ich jetzt mit eigenen Augen sehe, veranlasst mich, meine Meinung zu ändern. Ich werde dich für ein paar Tage beobachten lassen, dann werden wir eine Einschätzung vornehmen.« Am dritten Tag, einem herrlich sonnigen Morgen im Oktober 1968, verließ Jean für immer die Klinik.
John brachte sie in eine kleine Mietwohnung, ihr neues Zuhause. Sie hatten ihr schönes Haus am Hang verloren. Auch ihre Ersparnisse waren aufgezehrt, aber das spielte keine Rolle. Nichts von diesen »Dingen« hatte ihnen Freude gebracht und sie vor dem Bösen bewahrt. Jetzt hatten sie Gottes Gnade gefunden oder besser gesagt: Gottes Gnade hatte sie gefunden. Sein Wort und sein Geist hatten sie befreit und ihnen ihr Leben zurückgegeben. Und es besaß jetzt mehr Tiefe und Kraft, als sie sich vor Jeans Abstieg in den Wahnsinn hatten vorstellen können. Da sie jetzt in einem ärmeren Teil der Stadt lebten, sahen sie ihre alten Nachbarn nicht mehr. Doch Jean telefonierte mit ihren beiden ehemaligen Nachbarinnen und erzählte ihnen, wie Gott sie vom Wahnsinn befreit hatte. Ihr Bericht machte einen tiefen Eindruck auf sie, wie Paul Cain es vorausgesagt hatte.
Doch Jean hatte keine Gelegenheit, mit Allan Lindemann zu sprechen.
Bald nach Jeans Heilung zog die Familie Raborg von San Bernardino nach Phoenix. Dreizehn Jahre, nachdem sie geheilt worden war, wurde Jean nach Salt Lake City eingeladen, um ihre Geschichte vor einer Frauengruppe zu erzählen. Jean flog von Phoenix nach San Diego, um sich mit ihrer Tochter Jeanelle zu treffen, die sie nach Salt Lake City begleiten wollte. In San Diego nahmen sie ein Flugzeug der PSA nach Salt Lake City.
»Was meinst du, Mutti, ob Allan Lindemann unser Flugkapitän ist?«, fragte Jeanelle.
»Nein, Jeanelle«, erwiderte Jean, »ich bin sicher, er ist inzwischen pensioniert worden.« Doch um die Neugier ihrer Tochter zu befriedigen, fragte sie die Stewardess nach dem Namen des Flugkapitäns.
 »Kapitän Allan Lindemann«, erwiderte die Stewardess.
Jean konnte es nicht glauben. Sie ließ Allan informieren, dass sie und Jeanelle zu den Passagieren gehören. Die Stewardess brachte ein Briefchen zurück, in dem Allan fragte, ob sie mit ihm in Salt Lake City einen Kaffee trinken würden.
Normalerweise flog Allan nicht nach Salt Lake City, sondern von San Diego nach San Franzisko. Bei diesem Flug hatte er die Vertretung für einen anderen Piloten übernommen. Das war die menschliche Begründung dafür, dass er sich an diesem Dezembertag des Jahres 1981 in Salt Lake City befand. Die eigentliche Ursache für seine dortige Anwesenheit war jedoch, dass Gott es so gewollt und vor Jahren in einer psychiatrischen Klinik kundgetan hatte. Gott war im Begriff, die Vision zu erfüllen, die Paul Cain hatte, als Jean geheilt wurde.
Im Flughafenrestaurant fragte Allan, was Jean in Salt Lake City tut.
»Ich bin hier, um die Geschichte meiner Heilung zu erzählen«, erwiderte Jean.
»Oh, ja, ich erinnere mich, als du geheilt wurdest, hatte dieser Prophet eine Vision von Pat.«
»Ja, Allan, das stimmt. Er sah aber nicht nur Pat in der Vision. Er hat auch dich gesehen.«
»Wirklich?«
»Ja, er sah, dass du eine Uniform anhattest, als ich mit dir sprach. Daher wusste er, dass du Flugkapitän bist.«
»Das ist erstaunlich.«
»Ja, es ist erstaunlich. Es zeigt aber auch, wie sehr dich Gott liebt, Allan, und wie genau er dich kennt.«
Danach sprach Jean von Jesus und was er für alle Menschen getan hat. Allans Augen füllten sich mit Tränen. Zum ersten Mal verstand er, dass Jesus für ihn den Platz am Kreuz eingenommen und für alle seine Sünden bezahlt hatte. An diesem Tag vertraute Allan Lindemann darauf, dass der Herr Jesus Christus ihn von seinen Sünden errettet hat.
Es war wie eine Wiedergeburt, die sich vor Jeans Augen vollzog.
»Allan, es ist genau so, wie Paul es in der Vision gesehen hat«, sagte Jean. »Du hattest deine Uniform an. Du hast dir meine Geschichte und Gottes gute Botschaft angehört und hast Christus als deinen Herrn angenommen.«
Allan weinte noch immer. Schließlich sagte er: »Du weißt aber noch nicht alles, Jean. Heute ist der letzte Tag, an dem ich die Uniform trage. Ich gehe heute in den Ruhestand. Bald fliege ich nach Hause nach San Diego und ziehe meine Uniform für immer aus.« Die Kräfte des Wortes und des Geistes retteten Allan Lindemann und befreiten Jean Raborg aus der Heilanstalt.

Jack Deere, Überrascht von der Stimme Gottes, Projektion J, S. 347-362

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