Die Offenbarung
Sadhu Sundar Singh (1888-1929)
wurde als Sohn wohlhabender Eltern Mitte 1888 in Rampur (Punjab/Nordindien) geboren. Er war von Geburt Sikh, es überwog jedoch in der religiösen Erziehung seiner Mutter das hinduistische Element das moslemische.

Er ist der Heilige des vorigen Jahrhunderts, von dem oft behauptet wird, daß er am ehesten ein Leben wie Jesus selbst geführt hat. Wohlstand, Ruhm und Familie hatte er aufgegeben - für Jesus. Als Wandermönch (Sadhu) durch Indien ziehend hat er das Evangelium von Jesus verkündigt. Er war beliebt bei Christen und verfolgt in seinem eigenen Land. In vielen Ländern der Erde war er ein gerngesehener Gast. Die genauen Umstände seines Todes im Jahr 1929 sind unbekannt, er hatte sich, trotz schwacher Gesundheit, nochmals in die tibetischen Berge auf den Weg gemacht. Ob er dort Märtyrer geworden, verunglückt oder an einer Krankheit gestorben ist, ist unbekannt.

Sadhu Sundar Singh muss eine sehr beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein, denn seine Biographie beginnt Friedrich Heiler folgendermassen: "An der Tür eines englischen Hauses erscheint ein seltsamer Gast: eine hoch aufgerichtete Gestalt in langem, safrangelbem Gewand, das Haupt mit mächtigem Turban verhüllt. Aus dem olivenfarbenen Angesicht, das von einem schwarzen Bart umsäumt ist, treten zwei sanfte, dunkle Augen hervor; sie künden von einem wunderbaren Frieden, von einer unaussprechlichen Güte des Herzens. Der Fremde nennt dem Mädchen, das ihm die Tür geöffnet, seinen Namen: Saddhu Sundar Singh. Sie blickt ihn voller Erstaunen an, eilt hinweg und ruft ihre Herrin: Da ist jemand, der Sie sprechen möchte; seinen Namen kann ich nicht verstehen, aber er sieht aus wie Jesus Christus." Friedrich Heiler, Sadhu Sundar Singh, Ernst-Reinhardt-Verlag, München

Wie wurde Sadhu Sundar Singh vom Sikh zum Christen?

"Seine Entscheidungsstunde hat Sundar Singh am 19. Dezember 1904 erlebt. —
Er war ein Sohn vornehmer Eltern, seine Familie gehörte zu den reichsten in Indien. Zugleich aber kannten seine Eltern echte Gottesfurcht, zumal seine Mutter war eine fromme Frau, die ihren Jungen oft zu den Andachten in die Tempel mitnahm, ja ihn selbst in den heiligen Schriften der Sikhs unterrichtete. Dadurch wurde in ihm früh eine heiße Sehnsucht geweckt nach wahrem Frieden. Mit großer Dankbarkeit hat Sundar Singh immer wieder von seiner Mutter gesprochen. Sie starb, als er 14 Jahre alt war. Er verlor mit ihr viel und war darum unruhiger denn je.
Sundar Singh hat alles versucht, um den Frieden seiner Seele zu finden: er las weiter die heiligen Bücher, er prägte sich viele Stellen wörtlich ein, er verbrachte Stunden in stillem Nachdenken und innerster Selbstbesinnung, er befolgte treu alle Riten, die ihm von allen Seiten vorgeschrieben wurden, er tat gute Werke und half vielen Menschen--aber er wurde nicht ruhig. — Auch mit der Welt des Neuen Testaments kam er schon früh durch eine Missionsschule in Berührung. Zwei Worte Jesu: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid" [Mt 11,28] und Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab . . ." [Joh 3,16] haben ihn besonders bewegt und getroffen, aber er wollte von dieser Botschaft nichts wissen, er hat eines Tages sogar das Neue Testament vor den Augen seiner Mitschüler zerrissen, ja eine Zeitlang später die Bibel verbrannt. So hat er später selbst gesagt: Prediger und andere Christen waren oft zu mir gekommen, und ich pflegte ihnen zu widersprechen und sie zu verfolgen. Wenn ich in einer Stadt ausging, veranlaßte ich die Leute, mit Steinen nach christlichen Predigern zu werfen. In Gegenwart meines Vaters zerschnitt ich eine Bibel und andere christliche Bücher, begoß sie mit Petroleum und verbrannte sie. Ich glaubte, das Christentum sei eine trügerische Religion, und tat, was ich irgend konnte, um es auszurotten. Ich war ein gläubiger Anhänger meiner eigenen Religion; aber ich konnte weder Genüge noch Frieden finden." —
Da beschloß er am 18. Dezember 1904, aus dem Leben zu scheiden, um vielleicht in einer anderen Welt Gott zu begegnen. Er ging zu seinem Vater und sagte: Ich will dir Lebewohl sagen, morgen früh wirst du mich tot finden." Warum willst du dich töten?" fragte der Vater. Weil der Hinduismus meine Seele nicht befriedigen kann noch auch dies Geld, noch auch diese Behaglichkeit, noch irgendeines der Güter dieser Welt. Dein Geld kann die Wünsche meines Leibes befriedigen, aber nicht meine Seele. So habe ich genug an diesem elenden und unvollkommenen Leben; ich will ihm ein Ende machen." — Er hatte ernstlich vor, sich am nächsten Morgen vor den D-Zug zu werfen, der an dem Garten seines Vaters vorüberfuhr. Er schlief natürlich nicht viel, stand um 3 Uhr auf, nahm ein Bad, wie es ihm vorgeschrieben war, und begann zu beten: O Gott, wenn es einen Gott gibt, wollest du mir den rechten Weg zeigen, sonst werde ich mich töten." Er betete lange und dringend, zuletzt rief er sogar Jesus an. Es ist nicht ganz klar, ob er in dieser Stunde auch die Bibel selbst gelesen hat, aus einer Äußerung geht auch das hervor, aber auf jeden Fall hat er noch einmal alles versucht, um wirklichen Frieden zu finden. Da — so erzählt Fr. Heiler — plötzlich — gegen 5 Uhr — gewahrte er in seinem Gebetskämmerlein ein großes Licht. Er glaubte, das Haus stehe in Flammen, öffnete die Tür und blickte umher, aber es war kein Feuer da. Er schloß die Tür und betete weiter. Da sah er wie in einer Lichtwolke das liebestrahlende Angesicht eines Menschen. Er glaubte zunächst, es sei Buddha oder Krishna oder eine andere Gottheit, und wollte sich darum niederwerfen, um sie anzubeten. Da aber vernahm er zu seiner großen Überraschung auf Hindustani die Worte: Wie lange willst du mich verfolgen? Ich bin für dich gestorben, ich habe für dich mein Leben hingegeben." Er war unfähig zu verstehen und konnte kein Wort sagen. Da entdeckte er die Wundmale jenes Jesus von Nazareth, welchen er für einen großen Mann gehalten, der vor langer Zeit in Palästina gelebt und gestorben, jenes Jesus, den er vor wenigen Tagen noch glühend gehaßt hatte. Und dieser Jesus zeigte in seinem Angesicht keinerlei Spur von Zorn darüber, daß er seine heiligen Schriften verbrannt hatte, sondern eitel Milde und Liebe. Da kam ihm der Gedanke: Jesus Christus ist nicht tot; er lebt, und das ist er selbst." Und er sank ihm anbetend zu Füßen. Im Nu wurde sein Innerstes umgewandelt, er fühlte, wie Christus ihn gleich einem göttlichen Strom ganz und gar durchdrang; Friede und Freude erfüllten seine Seele." — Heiler fügt nur hinzu: Diese Bekehrung ist für Sundar Singh Offenbarung, Wunder im ausgesprochenen Sinn des Wortes, schlechthin übernatürlich. Die moderne Religionspsychologie, die der Erforschung des Bekehrungsvorganges besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, sucht dieses Wunder zu erweichen, die Bekehrung als Endglied eines innerseelischen Prozesses, als Wirkung eines feinen psychischen Mechanismus verständlich zu machen und so ihres rein übernatürlichen Charakters zu entkleiden. Alle diese Versuche sind deshalb verfehlt, weil sie die klare und unzweideutige Urmeinung" der Bekehrten umgehen; für den Frommen ist die Bekehrung allem natürlichen seelischen Leben, allem Eigenmenschlichen schlechthin entgegengesetzt; sie ist reines, freies Werk der göttlichen Gnade; sie bedeutet einen Einbruch der übernatürlichen Wirklichkeit in das Leben des Gläubigen. Sie ist darum etwas völlig Neues, der Anfang eines neuen Lebens. Wie jeder gläubige Bekehrte, so lehnt auch Sundar Singh die psychologische Erklärung des Bekehrungsvorganges durchaus ab und verficht aufs entschiedenste seinen rein supranaturalen Gnadencharakter. Alle Selbstaussagen Sundar Singhs zeigen in voller Deutlichkeit, daß er jede natürliche, geschöpfliche Kausalität von seiner Bekehrung ausschließt und in ihr einen unmittelbaren Eingriff, eine reine Wirkung des transzendenten Gottes, des ewigen Christus erblickt. Der naive Supranaturalismus, der den größten christlichen Frommen, angefangen von den Aposteln, eigen ist, kommt in Sundar Singh zu neuem, machtvollem Durchbruch. Für ihn ist seine Bekehrung nicht menschliches Erlebnis, innerseelische Erfahrung, sondern Offenbarwerden der göttlichen Wirklichkeit."
So sagt auch Sundar Singh selbst: Das war keine Einbildung, die ich sah. Vorher haßte ich Jesus Christus und betete ihn nicht an. Wenn ich von Buddha spräche, könnte ich sagen, daß das eine Wirkung meiner Einbildung war, denn ich war gewohnt, ihn anzubeten. Das war kein Traum. Wenn man aus einem kalten Bad kommt, träumt man nicht! Das war eine Wirklichkeit, der lebendige Christus! Er kann einen Feind Christi in einen Prediger des Evangeliums verwandeln. Er hat mir seinen Frieden gegeben, nicht bloß für einige Stunden, sondern während 16 Jahren, einen wunderbaren Frieden, den ich nicht beschreiben kann, aber von dem ich Zeugnis ablegen darf."
Was andere Religionen in vielen Jahren nicht zu Wege bringen konnten, das tat Jesus in einigen Sekunden. Er erfüllte mein Herz mit unendlichem Frieden."" Hans Bruns, Entschieden für Jesus, Selbstzeugnisse bekannter Männer und Frauen, 1964, Schriftenmissions-Verlag, Gladbek, S. 126-129

Hier nochmals sein eigener Bericht wie er vom Sikh zu einem Nachfolger Jesu  wurde:

"Als ich das Evangelium damals verbrannte, war ich der festen Überzeugung, daß ich eine gute Tat getan hatte, auch wenn danach die Unruhe in meinem Herzen noch größer wurde und ich mich nach zwei Tagen ganz erbärmlich fühlte.
Am dritten Tag, als ich es schließlich nicht länger aushalten konnte, stand ich um drei Uhr früh auf, badete und betete, daß, wenn es überhaupt einen Gott gebe, er sich mir selbst zeigen und mir den Weg des Heils weisen solle, damit meine Seele endlich Ruhe fände. Ich beschloß, daß, sollte dieses Gebet nicht erhört werden, ich noch vor Tagesanbruch zu den Eisenbahnschienen hinuntergehen und mich vor einen Zug werfen würde.
Bis halb fünf blieb ich wach, betete und wartete auf Krishna oder Buddha oder irgendeine andere göttliche Verkörperung des Hinduismus. Aber sie kamen nicht, statt dessen fiel Licht ins Zimmer. Ich öffnete die Tür, um zu sehen, woher das Licht kam, aber draußen war alles dunkel. Ich ging wieder zurück, und das Licht wurde stärker, nahm die Form einer Kugel an und schwebte über dem Boden. In diesem Licht erschien dann eine Gestalt die ich nicht erwartet hatte - der lebendige Christus, den ich für tot gehalten hatte.
In meinem ganzen Leben werde ich dieses herrliche und liebende Gesicht nicht vergessen, und auch nicht die Worte, die er zu mir gesprochen hatte: Warum verfolgst du mich? Siehe, für dich und die ganze Welt bin ich am Kreuz gestorben.
Diese Worte brannten sich in mein Herz ein, und ich fiel vor ihm zu Boden. Mein Herz war erfüllt von unaussprechlicher Freude und Frieden.
Es war ein Erlebnis, das mein ganzes Leben veränderte."

Im NT wird eine ähnliche Geschichte überliefert, die Erzählung der Umwandlung des Saulus von Tarsus (der sich später nur noch Paulus nenen ließ) auf seiner Reise nach Damaskus, als er ebenfalls Jesus begegnete:
Apg 22,4-8
4 Deshalb habe ich [Paulus] diese neue Lehre auch bis auf den Tod bekämpft. Männer und Frauen ließ ich festnehmen und in das Gefängnis werfen.
5 Das können der Hohepriester und der ganze Hohe Rat bezeugen. Von ihnen bekam ich die Empfehlungsschreiben für die jüdische Gemeinde in Damaskus. So wollte ich erreichen, daß auch die Christen in dieser Stadt gefesselt hierher nach Jerusalem gebracht und bestraft werden sollten.
6 Als ich auf dieser Reise Damaskus schon fast erreicht hatte, umgab mich zur Mittagszeit plötzlich vom Himmel her ein strahlend helles Licht.
7 Ich fiel zu Boden und hörte eine Stimme: 'Saul, Saul, warum verfolgst du mich?'
8 Voller Schrecken fragte ich: 'Wer bist du, Herr?' und hörte als Antwort: 'Ich bin Jesus von Nazareth, den du verfolgst.'



Sein ausführlicher Lebensbericht seiner Erfahrungen vor und nach seiner Begegnung mit Jesus Christus:

"Ich wurde in einer Familie geboren, die für gewöhnlich als Sikh[1] galt; aber sie sah die Lehre des Hinduismus als höchst wesentlich an, und meine liebe Mutter war ein lebendiges Beispiel und eine treue Vertreterin dieser Lehre. Sie pflegte täglich vor Tagesanbruch aufzustehen und nach dem Bade die Bhagavad Gita[2] und andere Hindu-Schriften zu lesen. Ihr reines Leben und Lehren wirkten auf mich mehr als auf die anderen Glieder der Familie. Sie prägte mir schon frühzeitig diese Regel ein: wenn ich morgens auf stehe, so ist meine erste Pflicht, daß ich zu Gott um geistliche Nahrung und Segen bete, und erst danach soll ich das Frühstück einnehmen. Manchmal bestand ich darauf, ich müsse zuerst das Essen haben, aber meine Gott fürchtende Mutter senkte, das eine Mal mit Liebe und das andere Mal mit Strafe, tief in mein Gemüt diese Gewohnheit hinein, daß ich zuerst Gott suche und danach die anderen Dinge[3]. Obwohl ich damals noch zu jung war, als daß ich den Wert dieser Dinge würdigen konnte, so erkannte ich ihn doch später. Und wann immer ich jetzt daran denke, danke ich Gott für diese Erziehung, und ich kann gegen Gott niemals dankbar genug sein dafür, daß Er mir solch eine Mutter gegeben, die mir schon in meinen frühesten Jahren die Liebe zu Gott und die Furcht vor Ihm einflößte. Ihr Herz war meine beste theologische Schule, und sie bereitete mich, so gut sie konnte, dazu vor, daß ich als Sadhu[4] für den Herrn wirke.

EIN PANDIT[5] UND EIN SADHU

    Einige Jahre lang unterrichtete mich meine Mutter aus den heiligen Büchern der Hindus. Dann übergab sie mich einem Hindu-Pandit und einem alten Sikh-Sadhu. Diese pflegten täglich für zwei oder drei Stunden in unser Haus zu kommen, um mich zu lehren. Der Pandit lehrte mich einfache Stücke aus den Hindu-Shastras[6], und als er starb, lehrte mich ein anderer Pandit, Kashi Nath, die Sanskrit-Schriften. Der ehrwürdige Sadhu lehrte mich den Granth[7], das heißt die heiligen Schriften der Sikh. Ich erkenne an, ich empfing von diesem Unterricht einen gewissen Trost, aber ich hungerte noch immer nach wirklichem Frieden. Sie lehrten mich mit großem Mitgefühl und ließen mir freigebig ihre Erfahrungen zugute kommen. Aber sie hatten selber nicht den wahren Segen, nach dem sich meine Seele sehnte. Wie konnten sie mir da helfen, daß ich ihn empfinge?

MEIN VATER

    Ich pflegte die Hindu-Schriften oft bis Mitternacht zu lesen, um irgendwie den Durst meiner Seele nach Frieden zu stillen. Mein Vater wandte sich oft dagegen und sagte: ,,Es schadet deiner Gesundheit, wenn du bis in die Nacht hinein liesest.“ Obwohl es in meinem Elternhaus vieles gab, was mich hätte glücklich machen können, so zog es mich doch weiter nicht an. Mein Vater hielt mir oft vor: ,,In deinem Alter denken Jungens an nichts anderes als an Spiel und Zeitvertreib; wie hat diese Leidenschaft schon in so jungen Jahren von dir Besitz ergreifen können? Später im Leben ist noch Zeit genug, um an diese Dinge zu denken. Ich vermute, du hast diese Verrücktheit von deiner Mutter und dem Sadhu.“

DER PANDIT UND ICH

    Des öfteren bat ich den Pandit, mir meine geistigen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Er sagte: ,,Deine Schwierigkeiten scheinen von einer neuen und seltsamen Art zu sein. Ich kann nur soviel sagen: wenn du heranwächst und mehr Erfahrung und Erkenntnis des geistigen Lebens bekommst, werden diese Schwierigkeiten von selbst verschwinden. Quäle dich jetzt nicht mit diesen Dingen ab, sondern tue, was dein Vater dir rät.“ Ich sagte ihm: ,,Wenn ich nun aber nicht solange lebe, bis ich erwachsen bin, was dann? Außerdem hängt das Stillen dieses Hungers oder Durstes nicht vom Alter ab oder davon, ob einer groß oder klein ist. Wenn ein hungriger Junge um Brot bäte, würdet Ihr dann auch sagen: ,Geh und spiele, und wenn du dann groß bist und die wirkliche Bedeutung des Hungers verstehen kannst, dann wirst du Brot bekommen‘? Wird er beim Spiel glücklich sein, wenn er hungrig ist, oder kann er, wenn er nichts zu essen erhält, leben, bis er groß geworden ist? Er sollte jetzt zu essen bekommen. Ich fühle mich jetzt sehr hungrig nach geistigem Brot. Wenn du es nicht hast, dann sage mir bitte, wo und wie ich es erhalten kann. Wenn du nicht weißt, wo ich es bekommen kann, dann sage es.“ Der Pandit sagte: ,,Du kannst diese tiefen geistigen Dinge jetzt nicht verstehen. Du kannst diese Stufe des geistigen Lebens nicht auf einmal erreichen. Wer dorthin gelangen will, braucht eine lange Zeit. Weshalb hast du es so eilig, dorthin zu kommen? Wenn dieser Hunger nicht in diesem Leben gestillt wird, dann in deinen nächsten Wiedergeburten, voraus gesetzt, du strebst weiter danach.“ Indem er so redete, wich er mir aus, und meine Frage war nicht gelöst.

DER SADHU UND ICH

    Auch zu dem Sadhu sprach ich mehrere Male über meine Schwierigkeiten, aber er gab mir gleichfalls eine ähnliche Antwort: ,,Quäle dich damit nicht ab. Wenn du Erkenntnis (jnana)[8] erlangst, werden alle diese Schwierigkeiten verschwinden.“ Ich erwiderte: ,,Es ist ohne Zweifel wahr, wenn ich diese vollkommene allerletzte Erkenntnis erlange, verschwinden meine Schwierigkeiten; aber selbst auf dieser Stufe sollte die geringe Erkenntnis, die ich habe, einige meiner Schwierigkeiten forträumen, damit ich fähig würde, auf weitere Erleuchtung in der Zukunft zu hoffen. Doch ich sehe nicht, wie ich durch wachsende Erkenntnis weiter komme; denn es sieht so aus, als ob weitere Erkenntnis dahin führt, daß ich meine Nöte und Schwierigkeiten nur noch klarer sehe, und wie soll ich diesen neuen Nöten begegnen? Hier ist nicht nur Erkenntnis nötig, sondern Brot für den Hungrigen; denn wenn schon diese geringe Erkenntnis mir meine Nöte gezeigt hat, dann wird mehr Erkenntnis noch mehr Nöte zeigen. Wie soll ich diesen Nöten begegnen?“
    Der Sadhu erwiderte: ,,Nicht durch unvollkommene endliche Erkenntnis, sondern durch vollkommene und endgültige Erkenntnis wird dein Verlangen befriedigt. Denn wenn du vollkommene Erkenntnis erlangst, dann erkennst du: diese Not oder dieser Mangel ist nur eine Täuschung, du selber bist Brahma (Gott)[9] oder ein Teil von ihm, und wenn du das einsiehst, was brauchst du dann noch mehr?“ Ich aber beharrte: ,,Verzeiht mir, aber ich kann das nicht glauben; denn wenn ich ein Teil von Brahma oder selbst Brahma wäre, dann sollte ich doch unfähig sein, eine Täuschung (Maya) zu haben. Wenn aber Maya in Brahma möglich ist, dann ist Brahma nicht länger Brahma, denn es ist Maya untergeordnet. Damit ist Maya stärker selbst als Brahma und ist nicht mehr länger Maya (Täuschung), sondern eine Wirklichkeit, die Brahma überwältigt hat, und wir müssen annehmen, Brahma selbst sei Maya, und das ist Gotteslästerung.
    Anstatt mir zu helfen, werft Ihr mich auf diese Weise in einen Strudel hinein. Ich werde Euch sehr dankbar sein, wenn Ihr mir aus Eurer Erfahrung und Erkenntnis helfen könnt, es (Brahma) zu erkennen, damit ich meinen geistigen Hunger und Durst in ihm stillen kann. Aber bitte denkt daran, ich möchte in ihm nicht aufgehen, sondern ich möchte in ihm Erlösung erlangen.“
    Da sagte er: ,,Kind, es ist nutzlos, daß wir jetzt mit diesen Dingen die Zeit vergeuden. Die Zeit wird schon kommen, wo du selber diese Dinge verstehen wirst.“
    Wieder war ich enttäuscht. Nirgendwo konnte ich die geistige Nahrung finden, nach der ich hungerte, und in diesem Zustand der Unruhe blieb ich, bis ich den Lebendigen Christus fand.

LÜGEN UND STEHLEN

    Von meinen frühesten Jahren an prägte meine Mutter mir ein, ich solle die Sünde jeder Art meiden und gegen alle Menschen in Not teilnehmend und hilfreich sein. Eines Tages, als mein Vater mir etwas Taschengeld gegeben hatte, lief ich auf den Bazaar, um es auszugeben. Unterwegs sah ich eine sehr alte Frau, die war vor Kälte und Hunger am Verschmachten. Als sie mich um Hilfe bat, empfand ich solches Mitleid, daß ich ihr all mein Geld gab. Ich kam nach Hause zurück und sagte meinem Vater, er möchte der armen Frau eine Decke schenken, sonst würde sie vor Kälte sterben. Er wies mich ab und sagte, er habe ihr schon oft geholfen, und nun seien die Nachbarn dran, das Ihre zu tun.
    Als ich sah, er wolle ihr nicht helfen, zog ich heimlich fünf Rupies[10] aus seiner Tasche und wollte sie ihr geben, damit sie sich dafür eine Decke kaufe. Der Gedanke, ihr helfen zu können, gab mir große Befriedigung; aber der Gedanke, ich sei ein Dieb, schmerzte mein Gewissen. Meine Bedrängnis wurde noch größer, als mein Vater abends entdeckte, daß die fünf Rupies fehlten; er fragte mich, ob ich sie genommen hätte, aber ich leugnete. Obwohl ich der Strafe entronnen war, quälte mich mein Gewissen die ganze Nacht so sehr, daß ich nicht schlafen konnte. Frühmorgens ging ich zu meinem Vater, bekannte ihm meinen Diebstahl und meine Lüge und gab das Geld zurück. Obgleich ich fürchten mußte, er werde mich strafen, war die Last sogleich von meinem Herzen fortgenommen. Aber anstatt mich zu strafen, nahm er mich in die Arme und sprach mit tränenden Augen: ,,Mein Sohn, ich habe dir immer vertraut, und jetzt habe ich den deutlichen Beweis, ich tat recht daran.“ Er vergab mir nicht nur, sondern kaufte für die fünf Rupies der alten Frau eine Decke und schenkte mir selber noch eine weitere Rupie, für die ich mir Süßigkeiten kaufen durfte. Von nun an lehnte er nicht mehr ab, wenn ich ihn um etwas bat; und ich beschloß meinerseits, niemals etwas gegen mein Gewissen oder gegen den Willen meiner Eltern zu tun.

DER TOD MEINES BRUDERS UND MEINER MUTTER

    Einige Zeit darauf starb meine Mutter, und wenige Monate später starb auch mein älterer Bruder. Wesensart und Gesinnung dieses Bruders waren der meinen sehr ähnlich. Der Verlust dieser beiden Lieben war für mich ein schwerer Schlag. Vor allem machte mich der Gedanke, ich sollte sie nie mehr sehen, verzagt und verzweifelt: denn ich konnte niemals erkennen, in welcher Gestalt sie wiedergeboren würden, noch konnte ich je vermuten, was ich wohl selber in meinen nächsten Wiedergeburten sein würde. In der Hindu-Religion ist für ein gebrochenes Herz wie das meine der einzige Trost: ich solle mich meinem Schicksal unterwerfen und dem unerbittlichen Gesetz des Karma beugen.

MISSIONS UND REGIERUNGSSCHULE

    Nun vollzog sich in meinem Leben noch ein anderer Wechsel. Zu meiner weltlichen Ausbildung wurde ich in eine kleine Grundschule geschickt, welche die Amerikanisch-Presbyterianische Mission in unserem Dorf Rampur eröffnet hatte. Zu der Zeit hatte ich so viele Vorurteile gegen das Christentum, daß ich mich weigerte, in den täglichen Bibelstunden die Bibel zu lesen. Meine Lehrer bestanden darauf, daß ich an den Stunden teilnähme. Aber ich war so sehr dagegen, daß ich im nächsten Jahr jene Schule verließ. Ich besuchte nun eine Regierungsschule in Sanewal, die war drei Meilen[11] weit entfernt, und dort lernte ich einige Monate lang. Ich spürte: was das Evangelium über die Liebe Gottes lehrte, zog mich bis zu einem gewissen Grade an, aber ich hielt es noch immer für falsch und widersprach ihm. Ich stand so fest zu meiner Meinung, und meine Friedlosigkeit war so groß, daß ich eines Tages vor den Augen meines Vaters und anderer Leute ein Evangelium zerriß und verbrannte.

DIE OFFENBARUNG DES LEBENDIGEN CHRISTUS

    Nach den Anschauungen, die ich zu jener Zeit hatte, meinte ich, indem ich das Evangelium verbrannte, hätte ich eine gute Tat getan. Doch die Unruhe meines Herzens wurde immer größer, und nachher fühlte ich mich zwei Tage lang sehr elend. Als ich am dritten Tag spürte, ich könne es nicht länger ertragen, stand ich morgens um drei Uhr auf, nahm mein Bad und betete:
wenn es überhaupt einen Gott gebe, so wolle Er sich mir offenbaren, mir den Weg des Heils zeigen und diese Unruhe meiner Seele beenden. Ich war fest entschlossen, wenn dieses Gebet ohne Antwort bliebe, würde ich noch vor Tagesanbruch zur Eisenbahn hinuntergehen und meinen Kopf vor den einfahrenden Zug auf die Schienen legen. Ich blieb bis gegen halb vier Uhr im Gebet und erwartete Krishna[12] oder Buddha[13] oder irgendeinen anderen Avatara[14] der Hindu-Religion zu sehen.
Sie erschienen nicht, dafür erstrahlte aber im Zimmer ein Licht. Ich öffnete die Tür, um zu sehen, woher es komme, aber draußen war alles dunkel. Ich ging wieder hinein, und das Licht wurde immer stärker und nahm die Gestalt einer Lichtkugel über dem Fußboden an. In diesem Licht erschien nicht die Gestalt, die ich erwartete, sondern — der Lebendige Christus, den ich für tot gehalten hatte. Bis in alle Ewigkeit werde ich nie Sein herrliches und liebendes Gesicht vergessen noch die wenigen Worte, die Er sprach: ,,Warum verfolgst du Mich? Siehe, Ich bin am Kreuz für dich und für die ganze Welt gestorben.“ Diese Worte wurden wie mit einem Blitz in mein Herz gebrannt, und ich fiel vor Ihm zu Boden. Mein Herz war mit unaussprechlicher Freude und Frieden erfüllt, und mein ganzes Leben war vollständig verwandelt. Da starb der alte Sundar Singh, und ein neuer Sundar Singh wurde geboren, damit er dem Lebendigen Christus diene.

DER ANFANG DER VERFOLGUNG

    Nach einer kleinen Weile ging ich zu meinem Vater, der noch schlief, erzählte ihm von der Erscheinung und sagte, ich sei jetzt Christ. Er antwortete: ,,Worüber redest du? Erst drei Tage sind vergangen, seitdem du ihr Buch verbrannt hast. Geh und schlafe, du törichter Junge“, und damit drehte er sich wieder um. Später erzählte ich der ganzen Familie, was ich gesehen hatte, und daß ich jetzt Christ sei. Einige sagten, ich sei verrückt, einige, ich hätte geträumt. Als sie aber sahen, ich ließ mich nicht abbringen, begannen sie, mich zu verfolgen. Aber die Verfolgung war nichts im Vergleich zu jener elenden Unruhe, die ich hatte, als ich ohne Christus lebte; und es war mir nicht schwer, die Leiden und Verfolgungen, die nun begannen, zu ertragen.
    Der Gedanke, Sadhu zu werden, war lange durch meinen Sinn gegangen, und ich entschloß mich jetzt, dem Herrn Christus als Sadhu zu dienen. Es gab zu jener Zeit noch zwei oder drei andere Jungen, die wollten auch Christen werden. Doch zwei wandten sich wegen der Strafe, die sie von ihren Eltern erhielten, wieder zurück, und ein anderer ging nach Khanna und wurde dort von Rev. E. P. Newton getauft; aber kurz danach kam sein Vater zu ihm und erzählte, seine Mutter liege im Sterben, und lockte ihn damit zurück. Sehr bald danach starb er, offenbar durch Gift.

CHRISTEN — EIN STEIN DES ANSTOSSES

    Als es für mich schwierig wurde, in Rampur zu bleiben, riet mir Mr. Newton, ich solle in die christliche Knaben-Heimschule in Ludhiana gehen. Dort nahmen mich die Missionare Dr. Wherry und Dr. Fife sehr freundlich auf und förderten mich auf jede Weise. Aber ich erschrak, als ich das unchristliche Leben sah, das einige der christlichen Jungen und einzelne Christen des Ortes führten, denn ich meinte: wer dem Lebendigen Christus nachfolgt, müsse wie ein Engel sein; darin hatte ich mich gewaltig getäuscht. Es ist durchaus möglich, daß ich, wenn mir nicht der Lebendige Christus erschienen wäre und mir neues Leben geschenkt hätte, Anstoß genommen hätte, in die Irre gegangen und ein Feind des Christentums geworden wäre. Aber auch so beschloß ich, die Schule und diese Christen zu verlassen, allein zu leben und als Sadhu Christus nachzufolgen, wo immer Er mich in Seinem Dienst auch hinführen sollte. Während der Sommerferien ging ich nach Subathu und Simla, und anstatt zur Schule zurückzukehren, wurde ich getauft und begann, als Sadhu umherzuziehen und das Evangelium zu predigen.
    Nichtchristliche Wahrheitssucher ertragen willig unglaubliche Entbehrungen, um die Wahrheit zu finden. Wenn alle, die sich Christen nennen, sich auch nur von ferne mit solcher Treue oder Hingabe angestrengt hätten, die Königsherrschaft des Lebendigen Christus auszubreiten, dann wäre die ganze Welt schon längst christlich geworden. Aber wir müssen bekennen, darin hat die christliche Kirche unübersehbar versagt."
SADHU SUNDAR SINGH, Gesammelte Schriften herausgegeben von Friso Melzer, Ev. Missionsverlag im Christlichen Verlagshaus GmbH Stuttgart, 10. verbesserte Auflage, 1982, Stuttgart, 6. Schrift, Mit und ohne Christus, 5. Kapitel, MEINE EIGENEN ERFAHRUNGEN IM LEBEN MIT UND OHNE CHRISTUS, S.295-303
Das engl. Original dieser 6. Schrift lautete:
With and without Christ / Being / Incidents taken from the Lives of Christians and of Non-Christians which illustrate the Difference in Lives lived with Christ and without Christ / by / Sadhu Sundar Singh / With an Introduction by the Lord Bishop of Winchester / Cassell and Company, Ltd. / London, Toronto, Melbourne and Sydney / 1929.

Anmerkungen:
[1] Sikh: Sie Sikhs sind Anhänger einer Misch-Religion, die zwischen Hinduismus und Islam steht und in Nordindien beheimatet ist.
[2] Bhagavad-Gita: (Sanskrit, f., Gita – Lied, Gedicht; Bhagavan - Herr, Gottheit) ist eine der zentralen Schriften des Hinduismus, ein Stück des alten Epos Mahabharata. Inhaltlich ist sie aus den verschiedenen Heilswegen des Hinduismus zusammengearbeitet.
[3] Auch Jesus sagt in Mt 6,33: "Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit! Und dies alles [Jesus meinte damit Ernährung, Kleidung, etc. => alles zum Leben notwendige] wird euch hinzugefügt werden."
[4] Sadhu: Wörtlich: "der Arme", sinngleich mit Sannyasi, der der "Entsagende", der brahmanische Wandermönch ist; arm ehelos, ohne festen Wohnsitz, dabei unter strengen Übungen der Entsagung - so zieht er durch das Land.
[5] Pandit: Sanskrit, Gelehrter und -Lehrer der alten heiligen Sanskrit Schriften.
[6] Shastras: Mehrzahl von shastra = "Lehrbuch", "Wissenschaft"
[7] Granath: Das heilige Buch der Sikh
[8] Jnana: Erkenntnis
[9] Brahma: Brahma ist nicht der Gott der biblischen Offenbarung, der eine Person mit Willen, Gefühlen, Intelligenz, etc. ist, sondern das Göttliche, der Allgeist, der nach hinduistischer Vorstellung zugleich in der ganzen Welt wie im Menschenherzen wohnt. Er ist nicht der Schöpfer aller Dinge wie Gott in der biblischen Offenbarung.
[10] Die Rupie war historisch gesehen eine Silbermünze. Das Wort Rupie leitet sich vom Sanskritwort (r?pya) her und bedeutet Silber“. Die alte Rupie hatte 12 Annas, eine Anna 12 Pies; die neue Rupie zählt 100 "neue Pies" (sprich: Peis). Der Wert liegt heute etwa bei 1-2 Cent (0,01-0,02 €).
[11] engl. Meile: 1609m, drei Meilen sind fast 5km
[12] Krishna: (Sanskrit, "der Schwarze") ist eine Gottheit des Hinduismus und wird im Vishnuismus als die achte Inkarnation (Avatar) von Vishnu verehrt.
[13]  Buddah: Die genauen Lebendsdaten Siddhartha Gautamas sind umstritten. Traditionell wird seine Geburt auf den Mai 563 v. Chr. und sein Tod, der Eingang in das Parinirvana, mit Mai/April 483 v. Chr. angegeben. Neueren Forschungen zu Folge lebte er von ca. 450 bis ca. 370 v. Chr. Er lebte in Nordindien. Sein Vater war Oberhaupt einer der regierenden Familien in der kleinen Adelsrepublik der Shakyas, im heutigen indisch-nepalischen Grenzgebiet. Er ist der Begründer des Buddhismus und wird von seinen Anhängern als der "Erleuchtete" bezeichnet.
[14] Avatara: (Sanskrit, m., wörtl.: "der Herabsteigende") bezeichnet im Hinduismus einen Gott, der die Gestalt eines Menschen oder Tieres annimmt.

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